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Nein, der sexuelle Missbrauch von Kindern ist keine
Erfindung katholischer Patres. Und er hat auch nichts mit dem Zölibat zu
tun. Allein in Deutschland werden nach Schätzung des Kriminologischen
Instituts Hannover Jahr für Jahr etwa eine Million Kinder missbraucht, in
neun von zehn Fällen sind es Mädchen. Und drei der vier Täter sind keine
bösen Fremden oder Lehrer, sondern es ist der eigene Vater, Onkel,
Nachbar. Ja, und 98,5 Prozent der Täter sind laut Bundeskriminalamt Männer
– die 1,5 Prozent Frauen sind in der Regel Mittäterinnen.
Sexueller Missbrauch ist überall da möglich, wo Männer
mächtig und Kinder ohnmächtig sind. In geschlossenen Welten, in denen der
Vater (Pater, Lehrer) das Gesetz macht. Das gilt für Familien, die sich
abschotten, ebenso wie für Internate, egal ob christlich, weltlich oder
gar besonders fortschrittlich, wie wir am Beispiel der Reformschule
Odenwald sehen.
Der Skandal war bis vor nicht allzu langer Zeit nicht etwa
der Missbrauch, denn der war das Recht der Männer. Der Skandal war, wenn
ein Kind sich wehrte. Denn schämen mussten sich auch in unserer Kultur
lange die Opfer, nicht die Täter. (In fundamentalistisch-islamischen
Ländern ist das bis heute so: Da gelten missbrauchte Töchter als Schande
für die Familie und müssen entweder den Vergewaltiger ehelichen – oder
aber sie werden umgebracht.)
Der beste Schutz ist für ein Kind in der Familie eine
starke Mutter, die nicht aus Angst oder Gleichgültigkeit wegsieht, sondern
sich vor ihr Kind stellt. In Schulen und Internaten ist der einzige
Schutz: Transparenz und Kinderrechte. Und natürlich: menschliche
PädagogInnen.
Wir wissen seit langem, dass Männer mit pädophilen
Neigungen gerne in Berufe gehen, wo sie mit Kindern zu tun haben. Das
liegt nahe. Diese falschen „Kinderfreunde“ müssen erkannt und entlarvt
werden – und nicht verharmlost oder gar verklärt, wie es in den 1970er bis
1990er Jahren offensiv der Fall war.
Wie das überhaupt geschehen konnte, daran sei noch einmal
erinnert: Kaum hatte die Frauenbewegung – und niemand anderes als sie! –
das Recht der Patriarchen über Frauen und Kinder erschüttert, da traten
ihre Söhne an und trieben es zum Teil noch toller als die Väter. Den alten
Verhältnissen gaben sie nur neue Namen: Was heute endlich als Missbrauch
benannt wird, hieß bei ihnen „Kinderliebe“ und Pädophile waren
„Kinderfreunde“.
EMMA war 1978 im deutschen Sprachraum die erste Stimme, die
die Existenz von Inzest und Missbrauch zum öffentlichen Thema machte.
Nachdem das siebenseitige Dossier („Das Verbrechen, über das niemand
spricht“) erschienen war, regte sich jedoch - nichts. Kein einziger
Leserinnenbrief. Und das in Zeiten, in denen EMMA auf einen Bericht über
Klitorisverstümmelung zum Beispiel Waschkörbe von empörten Briefen bekam.
So tabu war das Thema Missbrauch.
In der Folge der EMMA-Berichterstattung jedoch entstanden
die ersten Initiativen zur Hilfe für die Opfer (die Wildwasser-Gruppen).
Und 1980 erregte das Buch der Amerikanerin Florence Rush, „Das
bestgehütete Geheimnis“, dann internationales Aufsehen. Zumindest im
Westen. Das Thema war angekommen.
Doch der bittere Protest der Frauen gegen Vergewaltigung
von Frauen und Kindern hatte wenig Chancen gegen den flotten Zeitgeist der
„sexuellen Befreiung“. Der machte Front von taz („Pädophilie ist
ein Verbrechen ohne Opfer“) bis Quick („Die süßen Lolitas“).
Ideologisch führend waren 68er, etliche von ihnen waren auch in der
tonangebenden „Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung“ aktiv, wie der
Sozialpädagoge Prof. Helmut Kentler.
Es war die Zeit, in der der bekennende Pädosexuelle Kentler
unwidersprochen die „freie Liebe“ mit Kindern fordern und als
Gerichtsgutachter in „wissenschaftlichen“ Studien empfehlen konnte,
straffällige Jugendliche „bei pädagogisch interessierten Päderasten“
unterzubringen. So geschah es dann auch. Am helllichten Tag.
Es war die Zeit, in der Studentenführer Daniel Cohn-Bendit
in „Little Big Man“ unbefangen über seine Erlebnisse als Kindergärtner in
den Jahren 1972 bis 1974 plaudern konnte. Da nahm der „ständige Flirt mit
allen Kindern bald erotische Züge“ an, und passierte es dem Kinderfreund
„mehrmals, dass einige Kinder meinen Hosenlatz geöffnet und angefangen
haben, mich zu streicheln“. Er habe dann „auf Wunsch“ auch
zurückgestreichelt.
Fast drei Jahrzehnte lang hat der grüne EU-Abgeordnete zu
jeder Kritik darüber geschwiegen. Jetzt behauptet der Odenwald-Schüler in
der Zeit, ausgerechnet diese Passage in seinen Lebenserinnerungen
sei keine Realität gewesen, sondern „Provokation“. Und ja, man habe damals
„im Überschwang Fehler gemacht“ und „keine klaren Grenzen gezogen“. Das
ist zurückhaltend formuliert. Und nur Provokation? Was für eine dreiste
Behauptung!
Es war in der Tat die Zeit, in der die SPD/FDP-Regierung im
Nachklapp zur großen Sexualstrafrechtsreform 1980 auch den § 176 ersatzlos
streichen wollte – den Paragraphen, der den sexuellen Missbrauch von
Kindern unter Strafe stellt. Kaum zu glauben, aber wahr: EMMA war zunächst
die einzige Stimme, die sich dagegen erhob.
Wir schafften es immerhin – im Verbund u.a. mit Günter
Amendt, dem einst leichtfertigen, später jedoch selbstkritischen Autor von
„Sexfront“ –, die Streichung des § 176 zu verhindern. Hätte EMMA damals
nicht protestiert, gäbe es heute in Deutschland noch nicht einmal mehr ein
Gesetz, das den Missbrauch von Kindern verbietet.
Und wie kommt es eigentlich, dass der Skandal über den
massiven sexuellen Missbrauch in den 1970er und 1980er Jahren in der ach
so progressiven Odenwald-Schule erst jetzt so richtig ernstgenommen wird –
obwohl doch die Frankfurter Rundschau bereits 1999 darüber
berichtete? Hat das auch etwas zu tun mit der Veränderung des Zeitgeistes
– und damit, dass die einstigen Propagandisten der „freien Liebe“ nicht
mehr den Ton angeben?
Die besondere Infamie bei dem Ganzen war, dass Kinder
früher eine rechtlose Sache waren – nach 1968 aber ins andere Extrem
umgeschlagen und so getan wurde, als seien Kinder gleichberechtigt. Das
Machtverhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern wurde schlicht negiert
(so wie das zwischen Männern und Frauen). Und es wurde den Kindern
unterstellt, sie selber wollten es doch auch so, sie hätten „sexuelle
Bedürfnisse“, ganz wie die Erwachsenen.
Anything goes. Es war übrigens auch die Zeit, in der
Polanski zum ersten Mal vor Gericht stand wegen Vergewaltigung einer
13-Jährigen. Und im Zuge dieser „sexuellen Revolution“ griffen sich nun
nicht nur zwanghafte Pädophile die Kinder, sondern auch
Gelegenheitsliebhaber. Eben alle, denen es längst zu lästig geworden war
mit den selbstbewussten Frauen, und die bis heute gerne auch mal nach
Thailand ausweichen.
Jedes vierte bis dritte Mädchen, jeder zehnte Junge ist
heute ein Opfer des sexuellen Missbrauchs, dieser frühesten und tiefsten
Brechung, die einem Menschen widerfahren kann. Und die meisten leiden
lebenslang an den traumatischen Folgen. Endlich reden wir also darüber.
Über die Verharmlosung und das Wegsehen. Aber das bitte nicht nur in bezug
auf die Internate.
Quelle:
http://www.aliceschwarzer.de/index.php?id=5154
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