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Frühreifes Deutschland

Die Jugend von heute – Porno mit acht, Sex mit 12

 
Von Ulrike von Leszczynski 9. September 2008

Jana war 12 Jahre alt, als sie zum ersten Mal einen Jungen in ihr Kinderzimmer einlud – zum Sex. Und Hendriks Mutter ist stolz, dass ihr Sohn einen Job als Pornodarsteller in Aussicht hat. Diese wahren Geschichten sind nur einige Beispiele aus dem neuen Buch "Deutschlands sexuelle Tragödie".

Darin warnen die Autoren Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher vor einer frühreifen, hypersexualisierten Jugend, die nicht mehr zu Partnerschaften fähig sei. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) will Einzelfälle nicht bezweifeln. Ein Massenphänomen sei das aber nicht.

Die jüngste repräsentative Umfrage zur Jugendsexualität in Deutschland hatte die Forscher sogar eher erleichtert. Nur 10 Prozent der Jungen und Mädchen gaben darin an, mit 14 oder früher erste sexuelle Erfahrungen gesammelt zu haben. Nachdem das Alter beim „ersten Mal“ bis in die 90er Jahre immer weiter sank, seien die Werte seit dem Jahr 2000 relativ konstant geblieben, berichtet Sprecherin Marita Völker-Albert.

Bernd Siggelkow, Gründer des Kinderhilfswerks „Arche“, bietet sich ein völlig anderes Bild. Die „Arche“-Kinder kommen oft aus Familien, in denen die Mütter keine Arbeit haben und die Väter verschwunden sind. In 30 „wahren Geschichten“, in denen lediglich die Namen geändert sind, erzählt Siggelkow von Achtjährigen, die mit ihren Müttern Pornos anschauen oder von 14-Jährigen, die Liebhaber an ihre Mütter weiterreichen.

Viele Mütter vermittelten schon Zehnjährigen die Vorstellung, dass der Körper das wertvollste Kapital sei, kritisiert Siggelkow. Viel Sex werde so zum Maßstab für Erfolg im Leben. Dazu kämen die Sexseiten im Internet oder Porno-Filmchen fürs Handy. „Die Kinder können die vielen Sex-Infos gar nicht einordnen“, sagt Siggelkow. „Die Kluft zwischen körperlicher und geistig-psychischer Sexualreife wird immer größer“. Als Folgen fürchtet er mehr Gewalttaten und eine beziehungsunfähige Generation.

Beim Bundesverband der Sexualberatungsstelle Pro Familia gibt es zum Thema sexuelle Verwahrlosung keine bundesweiten Untersuchungen, aber Einzelstudien zum Bereich Pornografie. Bei einer repräsentativen Umfrage in Rheinland-Pfalz gaben 2006 dort 60 Prozent der 11- bis 18- Jährigen an, Pornos aus dem Internet zu kennen. Die Reaktionen schwankten zwischen Ekel und Interesse. Oft seien Jugendliche aber erleichtert, wenn sie erführen, dass Pornofilme nicht die Realität sexueller Beziehungen abbildeten, berichtet ein Sozialarbeiter. Seine Aufgabe sieht er darin, Jugendlichen Medienkompetenz zu vermitteln - und den Unterschied zwischen Realität und virtueller Welt.

Neulich spielte eine Gruppe Kinder nicht mehr Verstecken, sondern Gruppensex.

Bernd Siggelkow würde gern Handys verteilen, mit denen Kinder nur telefonieren können - und sonst nichts. Er fordert mehr Freizeit- und Jugendeinrichtungen und Grenzen bei der Computernutzung. Was er in der „Arche“ erlebt, schockt ihn manchmal noch immer. Neulich spielte eine Gruppe Kinder nicht mehr Verstecken, sondern Gruppensex. Acht kleine Jungs warfen sich nacheinander auf ein Mädchen.

Nach den Schilderungen im Buch ist auch Verhütung bei der „Arche“- Jugendlichen ein Fremdwort. Sie glauben, dass warme Cola oder ein Sprint um den Block gegen Babys hilft. Siggelkow warnt deshalb auch vor mehr Teenager-Schwangerschaften. Beim Bundesamt für Statistik sprechen die Zahlen noch nicht dafür. 733 Mädchen, die 15 Jahre waren oder jünger, bekamen bundesweit 2007 ein Kind. Das ist die niedrigste Zahl seit dem Jahr 2000. Die Abtreibungsquote ist nicht gestiegen.

Für völlig aus der Luft gegriffen hält die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Siggelkows Beobachtungen dennoch nicht. „Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, vor allem in schwierigen sozialen Milieus“, sagt Sprecherin Völker-Albert. In verwahrlosten Familie gebe es Probleme mit Alkohol, Drogen, Medienkonsum, Ernährung - und eben auch mit Sexualität. „Es gibt aber keine seriöse Studie, die einen Trend zu sexueller Verwahrlosung bestätigt“, ergänzt sie.

Bernd Siggelkow, früher Pastor bei der Heilsarmee, sieht sein Buch auch nicht als Studie, eher als aufrüttelnde Momentaufnahme. Viele „Arche“- Kinder wünschten sich für später eine eigene Familie, mit Vater, Mutter, Haus und Auto, berichtet er. Diese Träume zerstörten oft die eigenen Mütter. „Dat is wat für die anderen“, sagen sie.

Quelle: weltonline.de

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Liebe knallhart – wie pornographische Filme das Sexualverhalten der Jugendlichen verändern

Paula war 15, als Opa sie mit Porno-Filmen aufklärte

Jan Rentzow, Anne Pauly

Paula ist 16. Sie hat regelmäßig Sex. Was Liebe bedeutet, weiß sie nicht

Es fällt schwer, Paula* (16) zu mögen. Ihre Worte sind hart und vulgär. Ihre Körpersprache auch. Die Hellersdorferin legt sich die Hände in den Schoß, wenn sie verführerisch wirken will. Und beginnt zu reiben.

Verloren. Verlassen. Von allen guten Geistern, der Liebe. Berlins Jugend, dem Pornorausch ausgeliefert. Genitalien, Orgien, Liebe knallhart. Auf der Mattscheibe, später im Kopf.

Ihr Vater hat versucht, Paula aufzuklären. Da war sie 14, saß mit ihm und ganz vielen anderen Leuten bei den Nachbarn. „Er hatte was getrunken, zog mich auf seinen Schoß.“ Sie spürte, dass etwas nicht in Ordnung war, wollte runter. „Er ließ mich nicht.“ Stattdessen hielt er sie fest, lallte ihr ins Ohr wie Sex funktioniert. „Mir war das total peinlich.“

„Wir hatten geile Stunden, Mutti hörte zu“

Den ersten Porno gab ihr Opa. „Er hat den ganzen Schrank mit Filmchen voll. ‚Guckt euch das an', hat er zu mir und meinem Freund gesagt. Das haben wir gemacht. Wir hatten geile Stunden“, sagt Paula und reibt sich ihren 3.-Monat-Baby-Bauch. „Mutti hat gesagt: ‚Jetzt muss ich mir nicht nur euer Gestöhne anhören, sondern auch noch das von den Pornos.'“

Hardcore-Filme, schmutziger Sex. Auch im Märkischen Viertel ist das ein Trend. „Die Mädchen und Jungen filmen sich immer öfter selbst“, sagt Lyla* (23). „Sie gucken dann in die Kameras, während sie Sex haben. Im Auto, überall. Die Mädchen machen da mit, weil sie Angst haben, ihr Freund könne sie verlassen. Die Jungs zeigen sogar die Geschlechtsteile ihrer Freundinnen rum, um damit anzugeben.“ Ganz normal finden sie das. Genitalien als Trophäen.

„Wir müssen in der Schule offener mit dem Thema Sex umgehen“, fordert André Schindler vom Landeselternausschuss. „Man muss auch über Pornografie sprechen und darüber, was die Menschen dazu verleitet, ständig den Sexualpartner zu wechseln.“

„Die Aufklärungsarbeit an den Schulen reicht nicht mehr“, sagt Sexualberaterin Almut Weise (26) von Pro Familia. „Die Lehrkräfte sind nicht mehr auf dem neuesten Stand.“

Und: „Manche Jungs glauben, sie müssen immer können, nur weil die Männer in den Pornos auch immer können“, sagt B.Z.-Experte und Sexual-Professor Kurt Starke (70). Ihn wundert nicht, dass manche Jugendliche ausprobieren, was sie sich nachmittags nach der Talkshow auf DVD angucken. Einige gemeinsam mit ihren Eltern.

„Sex mit Babybauch macht mich geil“

„Pornos machen mich geil. Hätte ich denn vor dem F… ein Buch lesen sollen?“, fragt Paula. Sie ist schwanger. Verhütet haben sie und Patrick (17)* nie, das ganze letzte halbe Jahr nicht. Von der Pille kriege sie Pickel, behauptet sie und dass sie mit Kondom nichts spüren würde. Sagt sie, dabei hat sie noch nie eines benutzt. „Jetzt kriege ich eben ein Kind und werde davon richtig sexgeil“, schwärmt Paula.

Filme sind ein sehr vulgärer Lehrer. Neulich hat Patrick ihr in den Bauch geboxt. Sie hat ihn mit vier Tagen ohne Sex bestraft. Paula redet verächtlich über „Schlappschwänze“, darüber dass sie jetzt endlich mal Sex auf dem Bahnhof haben will. Aber über die Liebe weiß sie nichts.

Sie freut sich auf ihr Kind. Weil das die größte Freude ist, die sie ihrer Mutter seit langer Zeit gemacht hat. Weil Babies so niedlich sind, so süß. Aber, dass sie Liebe brauchen, das hat sie noch nicht begriffen. Wie sollte sie auch?
 

*Namen geändert
 

Quelle: BZ Berlin, 10.9.2008

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Steve war 17, als er zum ersten Mal Sex mit vier Frauen hatte

Gruppensex ist normal, Verhütung spielt keine Rolle, Romantik ist ein Fremdwort. In der neuen Serie „Liebe in Not“ berichtet die B.Z. über das Sexualverhalten von Berliner Jugendlichen

Jan Rentzow & Anne Pauly

Sex mit vier Frauen gleichzeitig

Steve (18) hatte Sex mit vier Frauen gleichzeitig. Gruppensex gehört zu seiner Jugend

Babyface könnte sein Spitzname sein. Mit den weichen Wangenzügen, dem gerade beginnenden Bartansatz und den Pubertätspickeln auf der Stirn wirkt Steve* (18) mehr wie ein Kind als wie der Kerl, der er vorgibt zu sein. Doch auf seine Orgien mit mehreren „Weibern“ ist Steve mächtig stolz.

„Wenn ich Lust habe, frage ich meine Freundin“, sagt Steve. „Ich frage dann auch noch ihre Freundin und die macht auch gleich mit.“

Er macht es ohne Kondom

„Liebe in Not“ heißt die große Serie der B.Z. über die sexuelle Verwahrlosung Berliner Jugendlicher. Steve ist einer von ihnen. Ob Sex mit mehreren Mädchen oder die Gleichgültigkeit beim Verhüten – für den 18-Jährigen aus Tempelhof ist das genauso normal wie für immer mehr Jugendliche in Berlin.

„Aufeinander bauen“, nennt Steve das, was viele Erwachsene pervers finden: Sex mit mehreren Mädchen. Matratzensport gehöre für ihn nun mal dazu, sagt er mechanisch. Er vergisst dabei für einen Moment alles.

Seinen herzkranken Vater und die eigene Perspektivlosigkeit. „Ich hatte vier Frauen gleichzeitig. Da war ich 17.“

Verhütung ist Mädchensache, meint Steve. „Mit Kondom drüber macht das alles keinen Spaß“, sagt er. „Da spüre ich nichts.“ Eine wurde schwanger und schrieb ihm das per SMS. „Die Vaterschaft hat jetzt ein anderer anerkannt“, sagt er knapp.

Gruppensex-„Homepartys“ seien üblich und dauerten von Freitag bis Sonntagabend, heißt es in einer Studie von Arche-Pfarrer Bernd Siggelkow. „10-Jährige brüsten sich auf dem Schulhof, was sie für tolle Sexszenen auf dem Handy haben“, berichtet auch Erziehungswissenschaftler Peter Struck (65).

„Irgendwann probieren die Kinder es aus“, sagt er und hält die schockierenden Sexorgien für eine lustlose Betätigung. „Es ist für sie nicht erfüllend. Die Jugendlichen haben wenig Spaß dabei. Aber mitmachen hilft ihnen, um in der Rangordnung nach oben zu kommen.“

Sexparty mit zehn Mädchen und fünf Jungen

Almut Weise (26), Sexualberaterin von Pro Familia fürchtet, dass manche Kinder die Liebe zu zweit verlernt haben. „Wie man Paarbeziehungen führt, wissen sie nicht mehr. Sie sind so bemüht, cool zu sein.“

Conny* war erst 14 als sie zum ersten Mal auf eine Gruppensexparty ging. „Wir waren zehn Mädchen und fünf Jungen“, erzählt sie der*. „Ich habe richtig Bock“, soll Ronny – der Organisator der Party – zu ihr gesagt haben. „Bock auf Gruppensex, so richtig hardcore, richtig f…!“

Die Mädchen, fast noch Kinder, begannen schon nach wenigen Minuten nackt auf dem Tisch zu tanzen. Conny hat es nicht lange ausgehalten. Sie lief nach Hause - zu ihren Eltern, die von nichts wussten.

Quelle:  BZ Berlin, 08.09.2008

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Schock-Bericht: Der gefühllose Sex unserer Kinder

Berlin - Es gibt Teenager in Deutschland, die halten nicht mehr schüchtern Händchen im Kino oder verabreden sich zum Eisessen. Sie haben Sex wie im Pornofilm!
Immer mehr Heranwachsende begnügen sich nicht mehr mit der heimlichen Lektüre der Aufklärungsseiten von Zeitschriften. Sie probieren alles lieber selbst aus.

Immer mehr Heranwachsende begnügen sich nicht mehr mit der heimlichen Lektüre der Aufklärungsseiten von Zeitschriften. Sie probieren alles lieber selbst aus.

Die tz erzählt ihre Geschichten – so, wie sie die „Arche“-Mitarbeiter gehört und aufgeschrieben haben (Namen geändert):

Jana, 14: Sie ist ein hübsches Mädchen mit ausdrucksstarken Augen. Jana lebt mit ihrer Mutter (29) in einer Plattenbausiedlung. Ihren leiblichen Vater hat Jana nie kennengelernt – dafür verschiedene Stiefväter. Sie war zwölf, als die das erste Mal mit einem Jungen schlief: „Patrick war so süß“, erinnert sich Jana an den damals 14-Jährigen. „Richtig geil.“ Nach zweimal Sex war allerdings Schluss. Danach kam Mike (17): Mit dem blieb Jana eine Woche lang zusammen – nur im Bett, die Schule ließ sie in diesen Tagen sausen, danach sah sie ihn nie wieder. Seitdem hat sie Feuer gefangen; sie weiß selbst, dass sie schon jetzt mehr Männer hatte als andere Frauen im ganzen Leben. „Sex gehört dazu, wie Zigaretten zu rauchen“, so Jana. Mit ihrer Mama, die sie ihre „beste Freundin“ nennt, schaut Jana Pornos – um Neues zu lernen. Verhütung? „Ohne Gummi ist es schöner!“ Gerade ist Jana mit einem 40-Jährigen zusammen. Ihre Mutter findet das cool, weil der sie zum Einkaufen fährt.

Brian, 17: Ein Aufreißer – die „Girls“ himmeln ihn an. Neulich hatte er ein besonderes Erlebnis: Auf einer Party lernte er mit seinem Kumpel zwei Mädchen kennen. Es gab Wodka, es gab Drogen, da war ein leerer Raum. Los ging’s, zu viert, natürlich ohne Kondome. „Ich habe eine Latex-Allergie“, behauptet Brian. „Unsere Frauen hier sind sauber.“ Um eine Schwangerschaft zu verhindern, könne man die Mädchen auch nach dem Sex auf den Kopf stellen und schütteln, erzählen sich Brian und seine Freunde. Oder warme Cola in die Scheide träufeln. Neulich, erinnert sich Brian voller Stolz, hatte er Sex mit einer „Älteren“. Sie sei 29 gewesen. „Unglaublich! Wir haben es stundenlang miteinander gemacht, und das knallhart. Blümchenmasche finde ich blöd.“

Fanny, 16: Sie ist die Ausnahme unter allen Kids, mit denen die „Arche“-Mitarbeiter zu tun haben: Fanny hatte noch nie Sex. Sie will es anders machen als ihr Bruder und ihre Freundinnen – und auf den Richtigen warten …

 

Immer tabuloser geht es bei den jungen Menschen zur Sache.

Kinderschützer schlagen Alarm

Mit elf Jahren deprimiert, weil „ich noch keinen Sex hatte“? Kids, die noch nie die große Liebe erlebten – aber alle Sex-Stellungen kennen? Das sind keine Ausnahmen, sagt der Berliner Jugendpastor Bernd Siggelkow, sondern das ist die Regel in deutschen Familien, die ihre Kinder vernachlässigen! Er ist Gründer der bundesweiten Kinderschutz-Einrichtung „Arche“, die auch in München eine Anlaufstelle betreibt. Zusammen mit Wolfgang Büscher (siehe Interview) berichtet Siggelkow von seinen Praxis-Erfahrungen im neuen Buch: „Deutschlands sexuelle Tragödie“. Es ist ein Aufschrei gegen finanzielle und emotionale Armut …

„Vernachlässigung ist das Problem!“ - tz-Interview mit Wolfgang Büscher, Buchautor und „Arche“-Sprecher

Wolfgang Büscher hat die erschreckende Sex-Studie verfasst – zusammen mit dem Berliner Jugendpfarrer Bernd Siggelkow. Beide arbeiten für das Kinderschutz-Zentrum „Arche“. Die tz sprach mit Büscher:

Sie betreuen 13-jährige Mädchen, die schon mit 30 jungen Männern im Bett waren. Und Sie kennen Fälle wie den eines Teenagers, der gleich drei Freundinnen schwängerte – zwölf, 14 und 15 Jahre alt! Was ist nur los mit den Kids in Deutschland?

Büscher: Wir nennen es Vernachlässigung – sogar Verelendung. In Berlin leben 35 Prozent aller Kinder von Hartz IV, dazu kommen noch die so genannten Billiglohn-Familien: Viele dieser Kinder sind vergessen von der Gesellschaft! Sie definieren sich nicht über das, was sie sind – sondern über das, was sie haben. Und das ist sehr oft nichts als der Körper. Die Kids haben kein Geld für Clubs, feiern „Home-Partys“, konsumieren Drogen und Alkohol – und haben Sex. In den allermeisten Fällen ohne Kondom.

Gilt der Sex-Alarm nur für Berliner Jugendliche – oder gibt es das Phänomen auch in München?

In Berlin mag die Lage außergewöhnlich schlimm sein, weil hier die Quote an Familien ohne Perspektive am größten ist. Aber „Arche“ hat überall die gleichen Erfahrungen gesammelt – in Hamburg, Düsseldorf, München.

Worin besteht denn die sexuelle Tragödie?

Alle Kids, die wir kennen, haben einen ganz normalen Traum: Sie wünschen sich eine Zweier-Beziehung, die lange hält, eine Wohnung, ein Auto, eigene Kinder, einen Hund. Doch diese extremen sexuellen Erfahrungen machen völlig beziehungsunfähig – und zwar auf Dauer.

Andere Sexual-Experten sprechen von einer Prüderie-Welle…

Bei unserer Klientel ist davon nichts zu merken – die schaut mit Mama und Papa Hardcore-Pornos! Und diese Bevölkerungsgruppe wird immer größer. Außerdem handelt es sich nicht nur um ein Schichten-, sondern vor allem um ein Vernachlässigungsproblem. Darunter leiden auch Unternehmerkinder.

Was wäre denn zu tun?

Wir fordern drei Dinge: 1. Bildung, 2. Bildung, 3. Bildung. Wir brauchen kleinere Klassen sowie mehr Lehrer. Denn diese Sex-Tragödie ist auch eine Bildungs-Herausforderung.

Interview: Stefan Sippell

 

Quelle: tz 9.89.2008

 

 

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