
Ein Tiroler Geschäftsmann kaufte um 750.000 Euro das
Grundstück mit der abgebrannten Bordellruine, ehemals
„Mona Lisa“ und errichtete das „Casa Bianca“: 3,3 Mio.
Kredit von der Landeshypo. Foto: Wild
|
Von der viel zitierten Kreditklemme, wie sie kleine
Betriebe und private Wohnungskäufer nun trifft, spürt die
heimische Sexbranche wenig. Denn die Bordell-Liegenschaften
sind landauf landab mit enormen Pfandrechtssummen von Banken
zugepflastert: Österreichische Geldinstitute haben zusammen
rund 120 Mio. Euro an Krediten ins Rotlichtmilieu vergeben
(bzw. Darlehen bis zu diesem Höchstausmaß besichert). Die
Finanzierungen stammen von allen namhaften Geldinstituten, von
der österreichisch-italienischen Großbank, über die
Genossenschaftsmultis bis hin zur kleinen Filiale in der
Provinz.
Das Geld fließt in der Regel in Neubau, Umbau und Übernahmen.
Was im Einzelfall allerdings ins Auge sticht, sind extrem hohe
Pfandrechte, die in einem gewissen Widerspruch zum Wert der
Liegenschaft stehen (wenn etwa ein heruntergekommenes
Gürtelbordell in Wien mit 12,7 Mio. Euro in der Kreide steht).
Natürlich versichern die Kreditpartner der Geld- und der
Sexbranche, dass man ausschließlich seriöse Geschäfte tätige.
25.000 Euro Zinsen für ein
Bordell
Ein Tiroler Unternehmer ist mit drei
Sex-Etablissements groß im Geschäft und leistet gigantische
Rückzahlungen. Der 52-jährige Tiroler Josef E. (Name geändert)
gehört zur neuen Generation von Geschäftsleuten im
Prostitutionsgewerbe: Man hat Familie, Anwalt, Steuerberater
und Angestellte, distanziert sich von der alten Sorte
Zuhälter, zahlt angeblich brav alle Abgaben und Steuern und
ist überzeugt, dass auch die Prostituierten von heute
„emanzipierte Frauen“ seien.
In der Tat findet im Sexgewerbe eine Strukturbereinigung
statt, die Hand in Hand mit gesellschaftlichen Entwicklungen
geht. So hat Josef E. mit Hilfe mehrerer Banken ein
beachtliches Bordell-Imperium aufgebaut. Über mehrere Firmen (HHS
Immobilien-, Verwaltungs- und Beteiligungs GmbH, HHS Betriebs
GmbH, Tivoli Gaststätten Betriebs GmbH) führt er die Bordelle
„Casa Bianca“ in Innsbruck und Hallein und den „Funpalast“ in
Wien, der eine Großinvestition war. E. hat im 23. Wiener
Gemeindebezirk, im Gewerbegebiet Inzersdorf, ein 7000 qm
großes Areal von der Firma Baccardi erworben und darauf einen
weitläufigen FKK-Saunatempel aus dem Boden gestampft. Das
Geschäftsprinzip des durchgestylten Wellness-Tempels ist das
Rundum-Service: Neben Fitnesscenter und Gastronomie bieten
auch selbstständige Erotikfachfrauen ihre Dienste an, wobei
die Gäste 80 Euro, die Prostituierten 50 Euro Eintritt zahlen.
„Bei uns stehen keine Zuhälterautos vor dem Betrieb“, erklärt
E.s Mitarbeiter und Funpalast-Leiter Christoph Lielacher. Laut
einer deutschen Studie gehe der Sexmarkt in zwei Richtungen,
erläutert der ehemalige Marketingfachmann: „Der eine Trend
sind die Laufhäuser, nach dem Motto: günstig, schnell und
einfach, und der andere Trend sind exklusive Saunaklubs für
den gehobenen Gast“, so Lielacher. Die kostenintensiven
„Champagnerhütten“ und Bordelle alten Stils würden aussterben.
Auch in Wien seien in kürzester Zeit gerade drei neue
Laufhäuser gebaut worden (ein Trend, der auch die Salzburger
Rotlichtszene erfasst hat).
Bank will nicht im
Grundbuch aufscheinen
Um derartige Projekte auf die Beine zu stellen, braucht es
Geld, viel Geld. Der Tiroler Geschäftsmann E. etwa konnte die
Salzburger Landes-Hypothekenbank für Darlehen gewinnen: E.s
Gesellschaften haben für die Wiener Sextherme 2,05 Mio. Euro
und für das Halleiner Bordell 3,3 Mio. Euro eingeräumt
bekommen (laut den dem SF vorliegenden Treuhand-Verträgen). In
den Grundbüchern der drei Bordell-Liegenschaften in Wien,
Hallein und Innsbruck finden sich Hypothekarbesicherungen in
der Höhe von 10,176 Mio. Euro (gehalten von der Salzburger
Landes-Hypo und einer Tiroler Genossenschaftsbank). Bekanntes
pikantes Detail am Rande: Im öffentlichen Grundbuch scheint
nicht die Salzburger Hypo, sondern ein Salzburger Notar auf,
an den man „aus beiderseitigem Wunsch“ die Forderung zediert
hat (Vereinbarungen vom 26. 9. 2007 und 22. 11. 2004).
Geschäftsmann Josef E., der persönlich in der SF-Redaktion
erschien, um etwaige „Vorurteile und falsche Sichtweisen“ zu
korrigieren, sagt, dass die hohen Pfandrechte nicht bedeuten
müssten, „dass das alles noch offen ist“. Dann trägt er
beeindruckende Zahlen vor: „Ich zahle im Monat 25.000 Euro
Zinsen für das Casa Bianca in Hallein (er hat die Brandruine
des Vorgängerbordells neu aufgebaut, Anm.), ich liefere dem
Finanzamt Innsbruck pünktlich am 15. des Monats 36.000 Euro
ab. In Summe“, sagt E. und nimmt sich einen Tischrechner,
„tilge ich für alle Betriebe monatlich cirka 110.000 Euro“
(wobei die Redaktion diese astronomische Summe nicht
überprüfen konnte). Ja, das Geschäft gehe gut, sagt E. – „oder
sagen wir besser, es ist zufriedenstellend“.

Pornojäger Martin Humer hat in den Urkundensammlungen der
Gerichte gewühlt und das Banken-Engagement im Rotlichtmilieu
ausgehoben. Foto: Internet
Aufgedeckt hat das heimische Banken-Engagement im
Rotlichtmilieu der nimmermüde „Pornojäger“ Martin Humer.
Humers „Christlich-Soziale-Arbeitsgemeinschaft“ hat in den
Urkundensammlungen der Gerichte gegraben und alles ins
Internet gestellt (www.pornojaeger.at). Der 84-jährige
Radikalkatholik aus Waizenkirchen in Niederösterreich hört
zwar nicht mehr so gut, kommt beim Thema aber immer noch
schnell in Fahrt („ganz üble Burschen, Leute, die außer
Frechheit keine geistige Stärke haben“).
„Üble Burschen und freche Leute“
Aus Humers Datensammlung: Ein Tabledance-Club im
niederösterreichischen Amstetten hat ein Pfandrecht über 6,1
Mio. Euro eingetragen – eine Hypothek, die gleich hoch ist wie
für die Liegenschaft in der feinsten Wiener Innenstadt, die
das Luxusbordell „Babylon“ beherbergt (das Haus Seilerstätte 1
nahe dem Wiener Stephansdom wurde im Vorjahr vom Besitzer des
benachbarten Hotel-Palais Coburg um 9 Mio. Euro erworben).
Auch ein Bordell in Telfs in Tirol am symbolhaften „Bease-Buam-Weg“
hat eine Hypothekarbesicherung von 5 Mio. Euro. Ein Salzburger
Geldinstitut hat bei der Übernahme des Traditionsbordells „Maison
de Plaisir“ in der Steingasse geholfen, das nun eine
Salzburger Unternehmerfamilie führt (360.000 Euro Pfand). Und
selbst der „1. Exdream SM Fetish Club“, der angeblich in
Straßwalchen residieren soll, hat laut Humers Liste eine
Hypothek über 390.000 Euro. „Kredite zwischen zwei und drei
Millionen sind sicher nicht übertrieben für Objekte in
bestimmten Größenordnungen“, meint der Salzburger
Wirtschaftstreuhänder Christian Bernstorf. Extrem hohe
Besicherungen für mittelmäßige oder gar heruntergekommene
Immobilien „seien allerdings hinterfragenswert“ (siehe
Kasten).
Altersheim
oder Bordell, das ist egal
Reinhard Salhofer, Generaldirektor der
Landes-Hypothekenbank, sieht das Engagement im horizontalen
Gewerbe nicht unter moralischen Aspekten: „Für uns ist das
eine Immobilienfinanzierung, was der Kreditnehmer dann macht,
ob der ein Altersheim oder ein Bordell macht, ist Sache des
Investors.“ Die 5 Mio. Euro-Darlehen für den Tiroler Betreiber
seien „Immobilienfinanzierungen im unteren Bereich“, die
Immobilien in Hallein und Wien seien auch anders bestens
verwertbar, „da haben wir überhaupt keine Sorgen“, so Salhofer.
Im Grundbuch scheine man auf Wunsch des Kreditnehmers nicht
auf, der Bank sei das eigentlich egal.
Martin Humer wird wohl weiter mit Weihwasser-Sprüchen und
Pamphleten gegen Pornografie, Abtreibung und moderne Kunst
kämpfen müssen (Humer besprühte bekanntlich auch die
Lüpertz-Mozart-Skulptur in Salzburg). Immerhin – der
SF-Journalistin wünschte der im persönlichen Umgang durchaus
amüsante 84-Jährige: „Gott segne dich, meine Tochter.“
|
„Du legst denen einen
Haufen Geld hin“
„Das Rotlichtgeschäft wirft im Grunde nur Schwarzgeld
ab. Bekannt ist auch, dass viele Bordelle die Umsätze
nicht deklarieren oder die Steuern nicht zahlen“, weiß der
Salzburger Wirtschaftstreuhänder und Steuerberater
Christian Bernstorf. Faktum ist, dass sich in den
Vertragswerken der Branche haufenweise anonymisierte
Rechts- und Firmenkonstruktionen und harmlose
„Strohmänner“ finden (früher bezeichnete man sich den
Behörden gegenüber gerne als „Hausmeister“ des Bordells).
Zur Klärung, wie die Milliarden-Einkünfte aus der
Prostitution weiß gewaschen werden, braucht es
mittlerweile Spezialeinheiten. Die heutige Tätergeneration
bediene sich eines „Höchstausmaßes an Kreativität und
moderner Technik“, erläuterte der Chef der deutschen
Finanzmarktaufsicht „BaFin“ unlängst bei einer Tagung mit
dem Deutschen Bundeskriminalamt. Man nutzt elektronische
Zahlungswege im Internet, schleust Geld über
Online-Casinos in den Kreislauf und überweist es sich über
Offshore-Firmen (Briefkasten-Firmen auf Inseln) zurück.
Ein Insider aus dem Prostitutionsmilieu schildert, wie es
auch geht: „Wenn du einen Haufen Geld beisammen hast,
gehst du zur Bank und legst denen das hin. Im Gegenzug
kriegst du einen Kredit und die Bank kriegt die Zinsen.“
|
|